130 Mio. $ weg, weil der Zufall berechenbar war: Welche Hardware Wallet du jetzt noch kaufen darfst
Der Coldcard-Fehler hat gezeigt: Die teuerste Wallet ist nicht die sicherste. Welcher Hersteller welchen Track Record hat – und warum du den Sparplan gerade jetzt nicht pausieren solltest.

Wer in diesen Tagen in einschlägigen Foren mitliest, findet dort eine Sorte Beitrag, die es so lange nicht gab: Leute, die ihre Adresse im Block-Explorer öffnen und feststellen, dass das Guthaben weg ist. Ohne Phishing-Mail, ohne verlorenen Zettel, ohne erkennbaren eigenen Fehler.
Verantwortlich dafür ist ein Gerät, das jahrelang als das sicherste galt, das man für Bitcoin kaufen konnte: die Coldcard des kanadischen Herstellers Coinkite. Seit dem 31. Juli 2026 sind aus über 5.200 Adressen mehr als 116 Millionen US-Dollar abgeflossen. Einzelne Auswertungen kommen inzwischen auf rund 130 Millionen.
Besonders unangenehm ist dabei, wen es getroffen hat. Nicht die Leichtsinnigen, sondern die Vorsichtigen: offline verwahrt, Cold Storage, Seed in Stahl gestanzt, nie ein Foto davon gemacht.
Dieser Artikel klärt drei Dinge. Was ist passiert, welchen Hersteller kann man jetzt noch guten Gewissens kaufen, und warum wäre es teuer, ausgerechnet in dieser Woche den Sparplan abzuschalten.
Was bei Coldcard passiert ist
Die Coldcard ist seit Jahren die Wallet für Fortgeschrittene: ausschließlich Bitcoin, keine Kompromisse bei der Bedienung, eine sehr engagierte Community. In der Firmware-Version 4.0.0, ausgeliefert seit März 2021, umging das Gerät bei der Erzeugung der Seed Phrase allerdings seinen eigenen Zufallschip. Stattdessen kam ein Software-Ersatz zum Einsatz, dessen Ausgaben sich vorhersagen lassen. Fünf Jahre lang fiel das niemandem auf.
Wer in dieser Zeit einen Seed auf dem Gerät erzeugt hat, besitzt also keine zufällige Zeichenfolge, sondern eine berechenbare. Wer den Fehler kennt, kann die Schlüssel nachrechnen. Alles Weitere ist eine Frage der Rechenleistung.
Am 31. Juli verschwanden innerhalb von 25 Minuten rund 594 BTC aus etwa 500 Wallets. Bis zum 2. August waren es 1.367 BTC, am 3. August folgte eine vierte Welle mit weiteren 449 BTC. Betroffen sein können die Modelle Mk2, Mk3, Mk4, Mk5 und Q, je nachdem, welche Firmware zum Zeitpunkt der Seed-Erzeugung lief.
Wichtig ist die Unterscheidung: Gehackt wurde nicht das Gerät, sondern der Zufall, mit dem es den Schlüssel erzeugt hat. Ein Firmware-Update behebt das für bestehende Seeds nicht. Wer betroffen ist, muss einen neuen Seed erzeugen und sämtliche Bestände umziehen.
Chronologie und technische Details haben wir hier aufgeschrieben: 594 BTC in 25 Minuten – der Coldcard-Fehler im Detail sowie die vierte Angriffswelle.
Track Record schlägt Datenblatt
Hardware Wallets werben alle mit denselben Begriffen. Secure Element, Open Source, Air Gap, PIN, Passphrase – das steht bei praktisch jedem Anbieter im Datenblatt und lässt sich ungefähr so gut vergleichen wie PS-Zahlen bei Autos.
Was dort nicht steht: wie sich ein Hersteller in den vergangenen Jahren verhalten hat, wenn etwas schiefging. Nach dieser Woche ist das aus unserer Sicht das wichtigere Kriterium. Ein Überblick über die drei Anbieter, nach denen uns am häufigsten gefragt wird.
Coinkite (Coldcard)
Technisch hervorragender Ruf, konsequent auf Bitcoin ausgerichtet, eine der loyalsten Nutzergemeinden im Markt. Und nun ein Fehler bei der Schlüsselerzeugung, der fünf Jahre unentdeckt blieb. Das ist die schwerwiegendste Kategorie, weil sich der Schaden nachträglich nicht beheben lässt. Coinkite hat korrigierte Firmware veröffentlicht und fordert Nutzer auf, Guthaben auf neu erzeugte Wallets zu übertragen. Wer aktuell ein Gerät kaufen möchte, sollte die unabhängige Aufarbeitung abwarten.
Ledger
Der französische Marktführer hat die längste Vorfallsliste der Branche. Dabei geht in der Diskussion regelmäßig unter, dass keiner dieser Vorfälle die Hardware selbst betraf.
- Juli 2020: Ein Datenleck im Shopsystem legte über eine Million Kundendatensätze offen. Sie sind bis heute die Grundlage für Phishing-Briefe und gefälschte Austauschgeräte.
- Mai 2023: Die Ankündigung von Ledger Recover, also der Möglichkeit, den Seed verschlüsselt aufzuteilen, widersprach dem Versprechen, für das viele Kunden das Gerät gekauft hatten.
- Dezember 2023: Über den gephishten npm-Zugang eines ehemaligen Mitarbeiters gelangte Schadcode in das Connect Kit und damit in diverse dApps. Rund 484.000 US-Dollar flossen ab, betroffen waren dApp-Nutzer, nicht Wallet-Besitzer.
- Januar 2026: Erneut Kundendaten, diesmal über den Shop-Partner Global-e.
Ledger dokumentiert die Vorfälle im eigenen Security Incident Report. Das Risiko für Nutzer liegt hier nicht in der Firmware, sondern im Briefkasten: Die Lieferadressen von 2020 sind seit Jahren im Umlauf, und die darauf aufbauenden Betrugsversuche werden besser.
Tangem
Der Gegenentwurf, und derzeit der interessanteste Ansatz. Tangem arbeitet mit Karten statt mit einem Gerät samt Display, Kabel und Akku. Der Schlüssel entsteht in einem Secure Element mit der Common-Criteria-Zertifizierung EAL6+ und verlässt die Karte nicht. Es gibt keinen USB-Anschluss und keine Firmware-Updates am Gerät, was die Angriffsfläche spürbar verkleinert. Gesichert wird über ein Set aus zwei oder drei gepaarten Karten, nicht über einen Zettel im Ordner.
Die Bilanz liest sich unspektakulär: unabhängige Prüfungen durch Kudelski Security (2018), Riscure (2023) und Cure53 (2026), jeweils ohne gefundene Schwachstelle. Bei mehr als einer Million ausgelieferter Karten ist bislang kein systematischer Vorfall bekannt geworden. Die Zertifikate und Prüfberichte legt der Hersteller öffentlich offen. Eine Garantie ist das nicht, aber eine nachprüfbare Historie – und darauf kommt es nach dieser Woche an.
Transparenzhinweis: CryptoTicker unterhält mit einem Teil der genannten Anbieter Partnerprogramme. Die Einschätzung oben folgt der öffentlich dokumentierten Vorfallshistorie, nicht der Vergütung. Wo unsere Bewertung davon abweicht, sagen wir es – wie hier bei Coldcard und Ledger.
Preise, unterstützte Coins und Bewertungen im Detail stehen in unserem Hardware-Wallet-Vergleich.
Drei Regeln für die Auswahl
1. Nach Historie kaufen, nicht nach Ausstattung
Vor der Bestellung lohnt eine Suche nach dem Herstellernamen zusammen mit „incident", „breach" oder „vulnerability". Null Treffer sind dabei kein gutes Zeichen, sondern meist nur ein Hinweis auf schlechte Dokumentation. Interessant ist die Reaktion: Wie schnell kam die Meldung, war sie vollständig, folgte ein unabhängiges Audit? Hersteller, die eigene Fehler öffentlich auseinandernehmen, sind in der Regel die sichereren.
2. Die Entropie nicht einem einzelnen Gerät überlassen
Der Coldcard-Fall war ein Zufallsproblem. Dagegen helfen zwei etablierte Verfahren. Entweder erzeugt man den Seed per Würfel, was mehrere Geräte unterstützen. Oder man baut ein Multisig aus Geräten zweier verschiedener Hersteller. Bei einer 2-von-3-Konstruktion über zwei Fabrikate führt ein herstellerweiter Firmware-Fehler nicht mehr zum Totalverlust.
3. Regelmäßig nachsehen
Cold Storage verleitet dazu, jahrelang nicht hinzuschauen. Ein Quartalstermin reicht: Guthaben über einen Block-Explorer prüfen – die öffentliche Adresse genügt, den Seed gibt man nirgendwo ein –, das Firmware-Changelog des Herstellers überfliegen, den Aufbewahrungsort kontrollieren. Das kostet eine Viertelstunde, viermal im Jahr.
Warum der Sparplan gerade jetzt weiterlaufen sollte
Bitcoin notiert am 5. August 2026 bei rund 64.100 US-Dollar. Die Nachrichtenlage ist unerfreulich: das Wallet-Desaster, zwei ausgeräumte Perp-DEX im Juli, dazu der erste amerikanische Spot-ETF, der seine Türen schließt. Viele Anleger reagieren darauf, indem sie ihren Sparplan aussetzen, bis sich die Lage beruhigt hat.
Das ist verständlich und trotzdem meist ein Fehler. Ein Sparplan ist kein Marktinstrument, sondern ein Instrument gegen die eigene Stimmung. Sein Nutzen entsteht in den Monaten, in denen man ihn abschalten möchte. Wer 2022 pausiert hat, hat den günstigsten Abschnitt des Zyklus verpasst und im Sommer 2024 zu deutlich höheren Kursen wieder angefangen.
Unsere Empfehlung: Coinbase – aber nicht über den Sparplan-Knopf
Für deutsche Anleger ist Coinbase derzeit die naheliegende Wahl. Seit Juni 2026 läuft das Europageschäft unter einer MiCA-Lizenz mit Sitz in Luxemburg, die die bisherigen nationalen Zulassungen einschließlich der deutschen bündelt. Seit dem Ablauf der letzten Übergangsfrist am 1. Juli 2026 entscheidet genau diese Zulassung darüber, wer im europäischen Markt bleiben darf. Dazu kommen ein sauberer SEPA-Anschluss, deutschsprachiger Support und ein Steuerexport, mit dem die gängigen Tools umgehen können.
Weniger bekannt ist, dass der bequeme Sparplan in der App die teuerste Variante ist, dort zu kaufen.
| Weg | Effektive Kosten je Kauf | Aufwand |
|---|---|---|
| Wiederkehrender Kauf in der Coinbase-App | rund 2,5 Prozent (Gebühr plus Spread) | einmal einrichten, läuft automatisch |
| Kartenzahlung | zusätzlich 3,49 Prozent | gering, aber ohne Gegenwert |
| Limit-Order über Coinbase Advanced | ab 0,6 Prozent (Maker) | etwa zwei Minuten im Monat |
Bei 200 Euro monatlich macht das über ein Jahr rund 60 Euro Unterschied, bei identischem Ergebnis im Depot. Wer beides verbinden will, richtet einen SEPA-Dauerauftrag auf das Coinbase-Konto ein und setzt einmal im Monat eine Limit-Order in Coinbase Advanced. Anschließend wandert das Guthaben auf die eigene Wallet. Die Automatik steckt dann im Dauerauftrag, nicht im Kauf-Button.
Die Anbieter im direkten Vergleich – Gebühren, Mindestrate, Ausführungsrhythmus, Auszahlungskosten – stehen in unserem Sparplan-Vergleich. Wer wissen will, welche Börsen nach MiCA überhaupt noch reguliert in Deutschland arbeiten, findet das in der Übersicht regulierte Krypto-Börsen.
Was du daraus mitnimmst
Der Coldcard-Vorfall spricht nicht gegen Selbstverwahrung. Er zeigt, dass die Wahl des Herstellers dabei die eigentliche Entscheidung ist – und dass man sie an der dokumentierten Historie festmachen sollte statt am Ruf in der Szene.
Drei Schritte, die sich in dieser Woche lohnen:
- Betroffenheit klären. Wer eine Coldcard nutzt und den Seed nach März 2021 auf dem Gerät erzeugt hat, sollte heute ein neues Wallet auf korrigierter Firmware oder auf einem Gerät eines anderen Herstellers anlegen und alles überweisen. Auf einen Testbetrag zu warten, bringt hier nichts: Der Fehler ist öffentlich, die betroffenen Adressen sind es ebenfalls.
- Die eigene Verwahrung überprüfen. Nicht anhand der Feature-Liste oder des Preises, sondern anhand von Vorfallshistorie und Reaktionsverhalten. Der Hardware-Wallet-Vergleich nimmt die Recherche ab.
- Den Sparplan weiterlaufen lassen und ihn bei der Gelegenheit von der App auf eine monatliche Limit-Order umstellen. Fünf Minuten Aufwand, rund 60 Euro Ersparnis im Jahr.
Über diese Woche hinaus bleibt eine Erkenntnis, die für Wallets genauso gilt wie für Börsen: Sicherheit ist in der Praxis seltener eine technische Frage als eine Frage der Auswahl. Wer Anbieter nach nachprüfbarer Geschichte aussucht statt nach Versprechen, hat den größeren Teil des Risikos bereits vermieden.
(Stand: 5. August 2026. Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung. Kurse und Gebührenmodelle ändern sich; prüfe die Konditionen vor jedem Kauf beim Anbieter selbst.)





























