22 Billionen Dollar für KI-Aktien – und der Kryptomarkt? Was der CLARITY Act wirklich ändern kann
Dem CLARITY Act fehlt nur noch die Abstimmung im Senat. Warum der beliebte Vergleich mit dem KI-Boom trotzdem in die Irre führt.




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Der National AI Initiative Act trat am 1. Januar 2021 in Kraft. Fünf Jahre später sind die Konzerne im Zentrum des KI-Booms zweistellige Billionenbeträge wert. Der gesamte Kryptomarkt bringt es aktuell auf rund 2,2 Billionen Dollar. Die Botschaft dahinter: Sobald der CLARITY Act durch ist, folgt bei Krypto dieselbe Neubewertung.
Eine schöne Geschichte. Nur hält sie keiner Prüfung stand – weder bei den Zahlen noch beim Gesetzestext und schon gar nicht bei den Stimmverhältnissen im Senat. Die nüchterne Version sieht so aus.
Was ist bei den KI-Aktien nach 2021 wirklich passiert?
Die Magnificent Seven – Nvidia, Apple, Microsoft, Alphabet, Amazon, Meta und Tesla – kamen am 22. Juli 2026 zusammen auf eine Marktkapitalisierung von rund 22,6 Billionen Dollar. Das ist etwa ein Drittel des gesamten S&P 500. Allein Nvidia liegt über 5 Billionen Dollar. Die Richtung im Vergleich stimmt also: Seit 2021 sind gigantische Summen an Wert entstanden.
Der Ursachenzusammenhang stimmt nicht. Der National AI Initiative Act hat eine Koordinierungsstelle und ein staatliches Forschungsprogramm geschaffen. Er hat keinen Markt dereguliert, kein institutionelles Kapital freigesetzt und keine juristische Grauzone beendet. Die Neubewertung dieser Aktien kam von ChatGPT, von einem historischen Investitionszyklus und von Gewinnen. Die Magnificent Seven wollen allein 2026 etwa 680 Mrd. Dollar in KI-Infrastruktur stecken. Das ist der Motor – nicht ein Ermächtigungsgesetz aus 2021.
Und der Vergleich enthält eine Warnung, die in der bullischen Lesart konsequent unterschlagen wird: Der KI-Trade bekommt derzeit Risse. Der Magnificent-Seven-ETF liegt 2026 kaum im Plus, die Gruppe notiert rund 11 % unter ihrem Rekord aus dem Mai, und Strategen von JPMorgan vergleichen die Spaltung zwischen Chipherstellern und Hyperscalern inzwischen offen mit der Spätphase der Dotcom-Blase. Wenn Krypto tatsächlich eine Neubewertung „nach KI-Vorbild" erlebt, dann sieht so das Ende dieser Bewegung aus.
Warum führen die 2,2 Billionen Dollar in die Irre?
Weil es eine Zahl ist, die bereits massiv gefallen ist.
Die globale Krypto-Marktkapitalisierung liegt am 25. Juli 2026 zwischen etwa 2,19 und 2,28 Billionen Dollar. Das sind rund 42 % weniger als vor einem Jahr und etwa 47 % unter dem Allzeithoch von rund 4,27 Billionen Dollar vom 6. Oktober 2025. Bitcoin notiert bei rund 64.000 $, die Dominanz liegt bei 56 bis 58 %, und der Fear-and-Greed-Index steht bei 27 – also klar im Angstbereich.
Die richtige Einordnung lautet damit nicht „Krypto ist klein und steht vor der Explosion", sondern „Krypto steckt in einer Korrektur und sucht einen Auslöser". Das sind zwei völlig unterschiedliche Ausgangslagen mit völlig unterschiedlichem Risiko. Der Vergleich von 2021 bis 2026 leiht sich die Zuversicht eines Bullenmarkts und legt sie über einen Markt, der seit neun Monaten blutet.
Wo steht der CLARITY Act tatsächlich?
Das ist der Teil, den die meisten Hype-Beiträge auslassen – und genau der entscheidet.
Der Digital Asset Market Clarity Act (H.R. 3633) passierte das Repräsentantenhaus am 17. Juli 2025 mit 294 zu 134 Stimmen, mehr als 70 Demokraten stimmten mit. Das ist die stärkste Zustimmung, die digitale Vermögenswerte im US-Kongress je erhalten haben. Der Bankenausschuss des Senats brachte seine Fassung am 14. Mai 2026 mit 15 zu 9 Stimmen durch. Am 1. Juni landete der Entwurf als Calendar No. 423 auf dem Terminkalender des Senats.
Dort liegt er seither. Ein Antrag auf Beendigung der Debatte wurde nie gestellt. Mehrheitsführer John Thune hat keine Zeit im Plenum eingeplant. Der informelle Termin des Weißen Hauses für die Unterzeichnung am 4. Juli verstrich ohne Zeremonie.
Blockiert wurde das Gesetz nie an der Substanz – nicht an der Aufteilung zwischen SEC und CFTC, nicht an der Definition der „digitalen Rohstoffe", nicht am Reifetest und nicht an den Ausnahmeregelungen für DeFi-Entwickler. Es hängt an einer einzigen Interessenkonflikt-Klausel, die Präsident, Vizepräsident und Kongressmitgliedern verbietet, im Amt an digitalen Vermögenswerten zu verdienen. Trumps Offenlegung vom Juli weist für 2025 rund 1,4 Mrd. Dollar an Krypto-Einnahmen aus, überwiegend aus World Liberty Financial und seinem Memecoin. Damit ist er selbst das größte Hindernis für das Gesetz, das er nach eigener Aussage will.
Am 20. Juli stimmte das Weiße Haus einer Ethik-Formulierung zu. Am 22. Juli kursierte unter republikanischen Senatoren ein überarbeiteter Text, der die Ansätze des Banken- und des Agrarausschusses zusammenführt – mit einer Klausel, die 2029 automatisch ausläuft. Die beiden Demokraten, die den Entwurf überhaupt erst durch den Ausschuss getragen hatten, Ruben Gallego und Angela Alsobrooks, erklärten prompt ihre Ablehnung.
Wer will Klarheit – und wer blockiert sie?
Die Liste der Unterstützer aus der Finanzbranche ist echt, und sie ist diese Woche länger geworden.
Fidelity, verantwortlich für rund 7,1 Billionen Dollar an Kundengeldern, forderte den Senat am 24. Juli öffentlich zur Verabschiedung auf. Goldman-Sachs-Chef David Solomon sagte gegenüber Politico, er unterstütze das Vorhaben: Es schaffe gleiche Wettbewerbsbedingungen und erlaube regulierten Instituten endlich den Einstieg. BlackRock, Fidelity und Goldman haben ihre Blockchain- und Krypto-Produkte parallel zur verbesserten Rechtslage konsequent ausgebaut. Die von Coinbase unterstützte Initiative Stand With Crypto spricht von rund 950.000 Bürgerkontakten zugunsten einer Abstimmung.
Aber „die Wall Street will es" ist nicht dasselbe wie „die Wall Street ist sich einig". Die American Bankers Association, das Bank Policy Institute, die Consumer Bankers Association, das Financial Services Forum, die Independent Community Bankers of America und die National Bankers Association haben eine gemeinsame Erklärung gegen jene Passagen veröffentlicht, die Krypto-Plattformen Renditen auf Stablecoins erlauben würden. Ihr Argument: Das zieht Einlagen ab, die sonst in Immobilien- und Mittelstandskredite fließen. Jamie Dimon von JPMorgan hat denselben Einwand vorgetragen. Der Sheriff-Verband National Sheriffs' Association läuft aus Sicht der Strafverfolgung Sturm gegen das Gesetz, und die Senatoren Mark Warner und Catherine Cortez Masto knüpfen ihre Zustimmung genau daran.
Die Rechnung ist unbarmherzig. Für die Verabschiedung braucht es 60 Stimmen. Die Republikaner halten 53 Sitze, und bei Josh Hawley und Rand Paul wird inhaltlich mit Nein gerechnet. Es müssen also sieben bis neun Demokraten gefunden werden – und die zwei, die schon einmal zugestimmt haben, lehnen die aktuelle Fassung ab.
Wie wahrscheinlich ist die Verabschiedung 2026 noch?
Wer eigenes Geld darauf setzt, hat die Erwartungen zuletzt gesenkt, nicht erhöht.
Galaxy Research hat seine Wahrscheinlichkeit für eine Verabschiedung 2026 auf etwa 50 % zurückgenommen und verweist auf den fehlenden gemeinsamen Senatstext, den unklaren Zeitplan und das schrumpfende Zeitfenster. An den Prognosemärkten ging es noch wilder zu: Polymarket lag im Februar über 80 %, fiel Mitte Juli auf ein Rekordtief von knapp 24 %, kletterte mit dem erwarteten neuen Text zurück auf 43 bis 45 % und pendelte sich mit dem verhärteten Ethik-Streit bei etwa 35 % ein.
Der Kalender ist inzwischen der entscheidende Engpass. Der Senat geht rund um den 7. und 8. August in die Sommerpause. Brian Gardner von Stifel schreibt, das Gesetz müsse den Senat voraussichtlich bis Ende Juli passieren – andernfalls verschlechtern sich die Aussichten deutlich. Beacon Policy Advisors geht weiter und hält ein Verpassen der Sommerpause für das mögliche Ende des Zeitplans 2026.
Kommt der Pump, wenn der CLARITY Act durchgeht?
Zwei Dinge sollte man auseinanderhalten.
Erstens: Mit der Verabschiedung ist nichts fertig. Der GENIUS Act wurde im Juli 2025 unterzeichnet – und riss anschließend die eigene Ein-Jahres-Frist für die Umsetzung komplett. Der CLARITY Act würde die CFTC zur zuständigen Aufsichtsbehörde für digitale Vermögenswerte machen, eine Behörde, die derzeit mit einem einzigen Kommissar arbeitet und deren Haushaltsantrag nicht finanziert ist. Registrierungsfristen, Detailregeln und behördliche Kapazität bedeuten: Die praktischen Effekte kommen über Quartale und Jahre, nicht am Tag der Unterschrift.
Zweitens: Die guten Nachrichten dürften größtenteils eingepreist sein. Der Markt handelt die CLARITY-Schlagzeile seit Februar. Die Wahrscheinlichkeiten haben den Weg von 80 % auf 24 % und zurück in die 30er und 40er hinter sich, und der Markt liegt trotzdem 42 % unter Vorjahr. Dieses Muster spricht dafür, dass das Gesetz eher als Stimmungsfaktor wirkt denn als gespannte Feder – und dass das Chance-Risiko-Verhältnis in die andere Richtung zeigt. Eine glatte Zustimmung im Senat vor der Sommerpause wäre ein echter Auslöser. Ein Scheitern bei ohnehin pessimistischen Prognosemärkten wäre das langsame Ausbluten der letzten regulatorischen Hoffnung für 2026.
Bleibt als ehrliches Fazit: Der CLARITY Act ist das folgenreichste Krypto-Gesetz, das es je so weit gebracht hat, die institutionelle Unterstützung dahinter ist real und wächst – und sicher ist er trotzdem längst nicht. Wer dir eine Verzehnfachung als Basisszenario verkauft, verkauft dir eine Erzählung, keine Analyse.
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